Solo mit Viel

09. Juni –
03. Juli
2022
Markus Weggenmann

Eröffnung:
9.6.22 18-21 Uhr

Finissage:
3.7.22 13-17 Uhr

Öffnungszeiten:
Do-Fr 16-20 Uhr
Sa-So 13-17 Uhr

Einzelausstellung mit Markus Weggenmann

Zentrum und Empfang der ersten Einzelausstellung des Zürcher Künstlers Markus Weggenmann (*1953) in Basel bildet die Serie „Batterie“, die in den beiden grossen Räumen im Erdgeschoss der Villa Renata zu sehen ist. Unzählige Papierarbeiten bedecken die Wände bis unter die Decke und formieren sich zu einer vom Künstler frei assoziierten Assemblage. Sie setzt sich aus Blättern aus seinem Fundus der täglichen spontanen Malerei zusammen, die sich in Hunderten Kartons in seinem Atelier stapelt und die er bei Bedarf behändigt, um einzelne der Skizzen auf die Leinwand zu bringen, wo sie dann, grössenskaliert, zu neuen Werken werden. Die Batterie-Serie verschafft uns einen direkten Zugang zu diesem Oeuvre, führt uns quasi zu den Ursprüngen der Arbeiten, so, wie sie jeden Tag von Neuem entstehen. Sie überwältigt uns in ihrer Farbintensität und in der Vielfalt der Motive. Diese Motive sind oft abstrakt, es gibt aber auch florale Elemente, wenig Gegenständliches, ein Weinglas, eine Vase. Zum Teil wirken die Arbeiten fast holzschnittartig. Übereinandergelegte Balken und Gitter verschaffen die Illusion vom Räumlichen. Die immense Leuchtkraft der Blätter, die Formenvielfalt und Raumillusion wirken unglaublich kraftvoll, gleichzeitig sehr verspielt und scheint direkt zu energetisieren, so, wie es sich für einen Energiespeicher ja gehört. Batterie bezeichnet übrigens ursprünglich eine Reihe gefechtsbereiter Kanonen, und der Vergleich mit dem Geschoss mag nicht gänzlich fernliegen, konfrontiert uns diese Fülle an Farben und Formen doch direkt und fordernd, um nicht zu sagen gebärdet sich dieser vielstimmige Farbklang geradezu invasiv, wenn auch nicht bedrohlich, eher wie ein Chor vielleicht, ein Fortissimo aus Pinselstrichen, Tupfen, Balken, Mustern, Ornamenten in leuchtender Färbung.

Die Farbe ist für Markus Weggenmann essentiell. Mit dem Ausloten von Farbnuancen und -kombinationen in Streifenbildern hat seine künstlerische Biografie begonnen und entwickelte sich später weiter unter Verwendung von lichtechten Pigmenten, zu einer Malerei also, die nur wenig Bindemittel benutzt, so dass sich das Licht direkt auf dem Pigment brechen kann und ungefiltert reflektiert wird, was zur intensiven Leuchtkraft führt. Die präzise forschende Auseinandersetzung mit der chemischen Zusammensetzung der Farbe, aber auch mit ihrer Wirkung, ihrer Kombinationsmöglichkeit etwa, und ihrem Auftrag zeichnet die Arbeitsweise von Weggenmann aus. Mit der gleichen Präzision widmet er sich auch der Übertragung der Skizzen auf die Leinwand. Hat man das Glück, den Künstler bei der Sortierung der Arbeiten für eine Hängung zu beobachten, so meint man, für einen Moment zu erahnen, was an diesem Werk so fasziniert. Es ist die leichtfüssig wirkende Kombination von assoziativer Malerei und beinahe pedantischer Auseinandersetzung mit Form und Farbe. Trial and Error im Entwurf, akribische Genauigkeit in der Ausführung. Letzteres zumal, wenn man weiss, dass die Übertragung der Arbeiten auf die Leinwand oder aber auch auf andere Träger, digital geschieht und dies zum Teil unter sehr hohem technischen Aufwand, zum Beispiel bei den Arbeiten, die der Künstler unter Verwendung von Autolacken auf Aluminiumträgern herstellen liess.

Weitere Räume der Ausstellung „Solo mit Viel“ – der Titel ist vom Künstler selber gesetzt – zeigen zumeist sehr grosse Arbeiten auf Leinwand. In der Küche etwa sehen wir jetzt die Übersetzung einer der Papierarbeiten aus dem Jahr 2015. Der Entwurf findet sich wenige Meter entfernt im Nebenraum, wer ihn findet, realisiert verblüfft, wie die Fortführung der Skizze zu einer vollkommen neuen Arbeit führt. Die Spontaneität des ersten Wurfes weicht einer ambivalenten Wirkung von Flächigkeit gegenüber der Vorlage und zeigt räumliche Details, die hier erst zur Geltung kommen. Überdies – ein kuratorischer Glückstreffer – nimmt die Arbeit signaletisch Bezug auf hauseigene Spuren im Raum. Im oberen Stock lehnt der „Flache Findling“ (265 x 400cm, 2021), an der Wand, spiegeln die zehn Blumenbilder (alle 120 x 100cm, 2022) florale Explosionen sozusagen – sind es Blumen? Ist es Feuerwerk? – das Licht der Abendsonne, das durch die Fenster zum Garten einfällt, und in einem weiteren Raum findet sich über die Ecke gehängt eine Wolke von ca. 20 Kleinstbildern.

«Flirting with Sculptures» hiess eine frühere Ausstellung in der Galerie Mark Müller, Zürich. Diese thematisierte Arbeiten von Markus Weggenmann, die seine Malerei auf der Leinwand optisch in den dreidimensionale Raum überführen. Weggenmanns Vater war Steinmetz, der Sohn hätte den väterlichen Betrieb einst übernehmen sollen. Dazu ist es nicht gekommen, jedoch hat die Skulptur in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit des Künstlers vermehrt geweckt und ihren Weg auf die Leinwand gefunden. Ruhig aber stetig scheint sich der Findling aus dem Bild heraus zu bewegen, und die Illusion des Objektes, das aus dem Rahmen fällt, entbehrt nicht eines subtilen Humors angesichts der schieren Grösse des Brockens, der sich in verblüffender Leichtigkeit hinaus und auf uns zuzuschieben droht. Die Sattheit seiner dunklen Färbung entsteht aufgrund des mehrfachen Farbauftrages und wirkt der vermeintlichen Leichtigkeit erstaunlicherweise nicht entgegen. Das Gitter hinter dem Monolith bewirkt eine zusätzliche Räumlichkeit, und dieses Übereinanderlegen von Formen – Balken vor Gitter etwa – findet sich oft bei Weggenmann. Es verschafft eine Illusion von Vielschichtigkeit ohne perspektivisch zu sein. Auch die Blumen nebenan fallen nicht aus dem Rahmen, sondern sprengen in ihrer Blüheuphorie jedwede Einfassung, als reichte ihnen diese nicht und wollten sie sich das Haus selber als Bühne aneignen. Diese Blumenbilder sind ganz neue Arbeiten. Noch immer reduziert ragen die zehn floralen Motive doch deutlich ins Figurative, in die Pop Art und weg von der früheren Nähe zur Hard Edge Malerei oder Farbfeldmalerei, zum Beispiel.

Eine Anekdote von Markus Weggenmann erzählt von einer Kuratorin, die ihm zu Beginn seiner Ausstellungstätigkeit prophezeite, dass ihm bei seiner Arbeitsmethodik dereinst die Motive ausgehen könnten. Man darf das heute getrost bezweifeln. Neben den «Blumen» entstand gerade eine Serie mit Landschaften. Überdies ist der Künstler mehr und mehr mit dem Skulpturalen beschäftigt, auch abseits der Leinwand, aktuell zum Beispiel mit dem Schreinern von Holzbänken. Und stetig begleitet ihn die kontinuierliche Erweiterung der Batterie, sein tägliches freies Exerzitium, das sich zusehends zum unendlichen Archiv der farbigen Energien weiterentwickeln mag.

Franziska Stern-Preisig

Fotos: Julian Salinas